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Let´s get Leh´d

Und wo warst Du?

Let´s get Leh´d

Beitragvon wwwutz » 15.09.2011 19:28

Let´s get Leh´d

Nach jahrelangem stillem Verfolgen von spannenden Reiseberichten, nach unzähligen vergnüglichen Lesestunden, dem bestaunen von tausenden eindrucksvollen Fotos und dem Abgreifen von manchem ungeahntem Trick, will auch ich endlich meinen kleinen Teil beitragen und dem Forum (Euch!) ein klein bisschen zweirädriges (Er-)Leben zurückzugeben.
Stück für Stück sende ich Euch hier einen Reisebericht über eine dreiwöchige Tour mit Enfield Bullets nach und durch Ladakh: von Manali im indischen Kullu-Tal, quer über den Himalaya-Hauptkamm, nach Leh, der Hauptstadt “Klein- Tibets“, über die höchsten befahrbaren Pässe der Welt zu den ältesten lamaistischen Klosteranlagen. Es gab Hitze, Regen, Schnee und Matsch; groben Schotter, tiefen Sand und eiskalte Flussdurchfahrten, Sonnenbrand und Minusgrade. Ihr erfahrt mehr über den wahren Genuss des Butter-Tee, die korrekte Umrechnung ins metrische System und den Einfluss der Ereignisse in der ZingZing-Bar auf unser Karma…Doch nun mal schön der Reihe nach:

Mit Motorrad-Dinosauriern über die Mutter aller Hochgebirge

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Re: Let´s get Leh´d

Beitragvon Ralf&GS » 15.09.2011 19:51

... jetzt hast du mich aber echt neugierig gemacht! Bin gespannt, was kommt!!! :P
Ralf

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Re: Let´s get Leh´d

Beitragvon wwwutz » 15.09.2011 20:06

Hallo Ralf,

ja das ist ja mal ein schneller Reply :shock:
Ok, fangen wir mal gaaaanz langsam an...
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Re: 1. Etappe Delhi-> Manali

Beitragvon wwwutz » 15.09.2011 20:21

TII - This Is India!

Juli 2011
Franfurt-Delhi: Boing
Delhi –Manali: Volvo
Manali-Leh-Alchi-Hemis-Diskit: Royal Enfield Bullet 500!


„You´ll get stuck in an icy road river and be miraculously rescued.“
Ajit Harisinghani, 60 Jahre, Autor, Enfield-Liebhaber, Solo-Fahrer


Geplante Anfahrt auf Leh (ohne freundliche Genehmigung von Google):
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Die Luft die uns entgegenschlägt als sich die Flughafentür in Delhi öffnet, erstickt wortwörtlich sofort jede Diskussion bezüglich eines eventuellen längeren Sightseeing- Aufenthalt (ala: "wemmer schomma hier sinn?!?")! Bitte nicht falsch verstehen: seit einigen Jahren dürfen Tuktuks, Taxis und Busse auf Indiens Hauptstadtstraßen nicht mehr mit Diesel betrieben werden, sondern ausschließlich nur noch mit Gas - die resultierende Umwelt-Verbesserung ist quasi greifbar.
Aber die Temperaturen und die Luftfeuchte zur Monsunzeit machen uns Bleichgesichtern mächtig zu schaffen. Wir schlagen in einem kleinen netten und sehr „vertrauenserweckenden“ Guesthouse auf und mieten uns zu fünft ein Zimmer, nur um wenigstens unseren Gepäckberg bis zur Weiterfahrt in ein paar Stunden irgendwo parken zu können.

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New Delhi: erstaunlich unchaotisch, aber unglaublich schwül


Jedermann (hier: 3 Mann und 2 Frau) stimmt zu: möglichst schnell einen Bus besteigen und ab in die kühlen Berge - auf nach Manali!
Natürlich fährt der gebuchte Nacht-Bus nicht von der unseren Haltestelle ab (hat er noch nie, oder heute mal nicht, oder schon viel früher, oder, oder … ach, wir werdens wohl nie rauskriegen) - obwohl uns dieser Platz von mehreren Personen im Vorfeld bestätigt wurde. Beim Nachfragen am Ticketschalter gab’s große überraschte Augen, danach folgt plötzliche Hektik. Ehe wir wussten wies nun weitergehen soll wurde unser Gepäck schon in einen indischen Kleinstwagen gehievt, vier pralle Europäer in ein Tuktuk gepresst und die übrige Fünfte auf den Sozius der 125er unseres Ticketverkäufers hinauf gestikuliert. Mit diesem Tross wurde nun –quer durch den hauptstädtischen Abendverkehr- die Verfolgung des Volvo-Busses aufgenommen... zu guter Letzt schließlich erfolgreich! Für fast alle Problemchen gibt es irgendwie auch eine praktikable Lösung, auch hier gilt: TII- this is India!


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Unser Super-Extra-1a-Luxus-Semisleeper-Volvo


Die 600 Km der Fahrt im Super-Extra-1a-Luxus-Semisleeper-Volvo verlaufen ereignisfrei, aber recht bequem, und so erreichen wir nur leicht durchgeschaukelt am nächsten Nachmittag das St. Moritz des Tiefland-Inders: Manali
Die Landschaft erinnert stark an den Schwarzwald, das Städtchen selbst jedoch ist durch & durch indisch: bunte Bauruinen, dichte Menschenmassen und, für eine Stadt mit nur vier Straßen, ein erstaunliches hartnäckiges Verkehrsproblem.

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In der Fußgängerzone von Manali


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Old-Manali, abseits der Hauptstraße


Im Umland jedoch findet sich auch der eine oder andere idyllische Vorort, wo, sogar noch mehr als in der hektischen Innenstadt, gerne mal ein Stopp gemacht und mit dem blonden Touristen/innen (hier doch noch recht selten) ein Schwätzchen gehalten wird. Anschließen muss der Touri selbstverständlich noch für ein bis zwei Beweisfotos posieren (& zur Sicherheit noch mal ein drittes mit dem Handy), dies ermutigt uns auch mal die Inder ein bisschen Modell stehen zu lassen - was auch äußerst gerne getan wird. Klar ... "TII"

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Als überraschend schwierig erweist es sich für uns jedoch, hier ein paar Motorräder für unsere geplante Tour aufzutreiben. Zu Beginn der Hochsaison, ad-hoc fünf Maschinen für mehr als zwei Wochen Mietdauer, das ganze von einem seriösen Vermieter, technisch einwandfrei und natürlich bezahlbar... trotz einer stattlichen Anzahl von Vermietstationen scheinbar unmöglich. :-(

Zwei, drei nagelneue 350ccm Enfields wären sofort verfügbar gewesen, allerdings zu stolzen 1500 Rupies/Tag - wir wollten jedoch lieber 500er, lieber älter als neuer und am liebsten alle fünf Zweiräder aus einer Hand.
In einem Vorort von Manali wurden wir dann letztlich doch noch fündig: Anu, Chef von Anu´s Autowork, erklärt sich bereit uns bis übermorgen fünf ordentliche Maschinen zusammen zu basteln. Anu genießt in einschlägigen Fachforen einen äußerst guten Ruf, und auch hier vor Ort war sein Name immer wieder positiv in den Gesprächen aufgetaucht. Seine ganze Werkstatt -samt dem Personal- macht einen überraschend professionellen Eindruck, alles sehr sympathisch.

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Eine Werkstatt in Indien??

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Nein Danke, keine Tüte, ich nehm´s gleich so mit!


So vertrauen wir uns seiner Sache an, und zwar vollkommen zu recht wie wir noch feststellen werden! Das es allerdings schlussendlich statt der versprochenen zwei dann doch drei Tage dauert bis wir abschließend unsere Bullets entgegen nehmen können, …das ist mal wieder TII!

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Re: Let´s get Leh´d

Beitragvon Nueschtmanescht » 18.09.2011 20:09

Hallo
WoW. Klingt sehr spannend. Bin gespannt wie es weiter geht. :)
Mit der linken Hand zum Bikergruß
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Re: Let´s get Leh´d

Beitragvon elke » 22.09.2011 21:33

Hallo Dreimalw-utz,

na, das nenn ich ne geile Reportage. Bin auch sehr gespannt, wie es weitergeht.
Gleich mal noch ein Tipp: kannste nicht aus dem ganzen ein PDF machen (wenn alles fertig ist),
damit man das dann ausdrucken kann? Bin nämlich eine eingefleischte Sowas-gern-in-der-kuschligen-Sofaaeck-Leserin!

Aber wenn nicht, auch nicht so schlimm, kam mir nur ganz spontan als Idee...

Mach mal weiter!

LG
Elke
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Der Pass der gestapelten Leichen

Beitragvon wwwutz » 22.09.2011 21:43

--

Durch den Monsun:


Ganze dreimal verschieben wir den morgendlichen Aufbruch, zu heftig sind die Niederschläge. Wir befinden uns am Anfang der Regenzeit, so das zumindest ein mittäglicher Guss nicht ungewöhnlich, ja fast garantiert ist. Aber wenn es schon nachts dermaßen aufs Blechdach gießt, das an Schlaf nicht zu denken ist, hat auch niemand Lust auf eine ausgedehnte Pässetour. Fast schon träge geworden starten wir wenigstens am nächsten morgen bereits um 6oo früh den Aufstieg zum Rhotang-La … viel zu spät wie wir schon bald feststellen werden.

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Endlich aufsatteln…

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… dann nur kurz übern Berg.


Für den ersten wirklichen Fahrtag haben wir uns, zur langsamen Eingewöhnung, nur einen kleinen „Hops“ vorgenommen. Lediglich ca. 100 Km entfernt und nur von einem lächerlichen -nicht mal 4000m hohen- Paß von uns getrennt liegt Keylong, die einzige größere Stadt auf dem gesamten Manali-Leh-Highway. Dies soll unser Tagesziel sein, wir haben uns dort schon zur Mittagspause in einem leckeren Indischen Restaurant sitzen sehen. Doch trotz des Frühstarts sind bereits viele LKW und besonders zahlreich Busse auf der Strecke unterwegs, und schon bevor wir die Baumgrenze hinter uns lassen gibt’s tatsächlich den ersten Stau!


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Ein bissrl wie mittags auf der A5


Die meisten der mit lustigen 80er-jahre Skianzüge tragenden Indern (guckt mal bei euch im Keller, dort hängen auch bestimmt noch solch lila Peinlichkeiten ;-) )voll gestopften Busse wenden zum Glück inmitten der Strecke und entlassen ihre Fracht ins „Skiparadies“ Mahri. Tatsächlich werden die Massen hier in ein schattiges Seitental geführt, auf ein paar kantige Holzbretter gestellt, um dann auf einem winzigen Stück Restschnee ein paar Meter abwärts zu rutschen… Der wintergewöhnte Mitteleuropäer kann hier nur anerkennend Lächeln (oder ungläubig den Kopf schütteln).


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Mahri – hier beginnen indische Skiträume

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Das dazugehörige, gut erschlossene Skigebiet

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Langlauf oder Abfahrt?


Doch mit dem Passieren der Skistation rückt weder die Passhöhe in greifbare Nähe, noch wird der Verkehr lichter. Im Gegenteil: immer mehr schwer beladene LKW schieben sich den Hang hinauf und tragen nicht unbedingt zur Verbesserung der nun schon länger höchstens noch „mäßigen“ Piste bei.


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Ein Erdrutsch weiter oben hat scheinbar den Paß komplett blockiert, die Räumarbeiten dauern noch an. Wir schlingern auf der feuchten Lehmdecke noch eine Weile zwischen und neben der Fahrzeugschlange entlang (am Abhang immer schön nach oben schauen und die Tal-Fußraste belasten ;-) ), doch irgendwann ist es auch für uns mehr Stop als Go.

Diese Stops gestalten sich zwar sehr kurzweilig, denn in regelmäßigen Abständen sind Maisröster und Suppenküchen aufgebaut (denkt bitte dran, wir haben noch nix gefrühstückt!) und bei jedem Halt wird man sofort von gruppenbildenden Indern zu einem ebensolchen heran gezerrt.


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Hier haben wir noch über die Dreifach-Müllsack-Regenschutzvorrichtung geschmunzelt. Die Jungs haben zwar die Überquerung nicht geschafft, aber zumindest ihre Klamotten sind trocken geblieben..

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Doch die Zeit verrinnt zusehends und Kraft & Konzentration schwinden. Die ersten Ausrutscher stellen sich ein, unser Trupp hat sich schon lange aus den Augen verloren und das Wetter wird rapide schlechter - zur gehobenen Stimmung trägt dies alles nicht wirklich bei.


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Überpünktlich setzt dazu der „13.30Uhr Regen“ ein, auf dieser Höhe ungemütlich kalt. Alsbald gesellt sich noch Nebel dazu. Kurz bevor wir endlich das vordere Stauende erreichen können wird die Vollsperrung aufgehoben… nur damit sich der -schon stundenlang- angestaute Verkehr nun von beiden Seiten versucht gleichzeitig durch die Engstelle hindurch und aneinander vorbei zu drängeln. Im aufziehenden dichten Nebel spielen wir auf der einspurigen Strecke „Schisshase“ mit dem entgegenkommenden Schwerverkehr: Vorwärtstasten bis sich aus dem Dunst ein paar verschwommene Scheinwerfern abzeichnen, dann versuchen möglichst schnell die Enfield auf die schlüpfrige Pistenumrandung zu bugsieren. Als sich dann auch immer wieder kleine Erdrutsche vom Hang lösen und auf die Fahrrinne plumpsen wird die Situation langsam unbehaglich.


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Am letzten steilen Steigungsstück ist die „Fahrbahn“ dermaßen verspurt und schlammig, die Gepäckträger versenken sich bei jeder Gelegenheit tief im Morast und die Reifen haben jeden Grip verloren. Uns bleibt keine andere Wahl als die Enfields zu entlasten, von ihrem Gepäck zu befreien und eine nach der anderen mit Schiebehilfe über die Anhöhe zu bugsieren. Natürlich mit anschließendem Fußmarsch zurück zur Wiederaufnahme des zurückgelassenen Gepäcks. Ans Fotografieren denkt hier (leider) schon lange keiner mehr…


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Noch ein Eisfeld, eine letzte Anhöhe, dann ist der Hochpunkt schließlich erreicht. Endlich auf der Nordseite des Rhotang wird er Regen zwar nicht wärmer, dafür aber etwas weniger, genau wie der Verkehr- Buddha sei dank! Nach weiteren Stürzen und mit stotttttternder Zündung laufen wir mittags um 5Uhr vollkommen nass und unterkühlt am Fuß des Berges in der einzigen Dabha von Khoksar ein. Zum Glück hat uns der heftige Regen ordentlich den Matsch von den Klamotten gewaschen, nun sind wir nicht mehr schmuddelig - nur noch nass. Der liebenswerte Dorf-Wirt vermacht unseren Mädels ein paar warme wunderschöne Socken- ein wirklich verdientes Souvenir! Der Rothang ist bezwungen!


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Für diese hinter uns liegenden wahnsinnigen 70 Km haben wir fast 10 Stunden gebraucht- ein denkbar schlechtes Mittel… das sind Pisten-Durchschnitte die selbst alte Afrika-Fahrer blass werden lassen (nur isses dort bei der ganzen Sache wenigstens noch trocken und warm ;-) ).

Die Plackerei in der dünnen Höhenluft und bei schlechtem Wetter geht mächtig an die Substanz - von beiden, Fahrer und Maschine. Die Getriebe der Bullets sind zu lang übersetzt und der Leistungsverlust der Motoren spürbar, in jeder tieferen Matschlache drohen die Enfields abzuwürgen. Wer hier keine Nerven behält und mit schleifender Kupplung fährt, malträtiert die eh nicht besonders haltbaren Beläge, meist bis zum Totalausfall … außer unserer Fünfertruppe und einem Belgischen Pärchen gelingt keiner der anderen an diesem Tage gestarteten Motorradgruppen die Überquerung des Rhotang.

Bei der Recherche im Vorfeld dieser Reise fand ich überall nur sonnige Gipfelfotos von Tanglang-La oder Khardung-La, nirgends wurde in den Berichten im Entferntesten die Schlamm-Schlacht um den Rhotang-La erwähnt (oder gar bebildert); nun kann ich mir allerdings denken warum.

Nach Khoksar ist die Straße vorwiegend in erstaunlich gutem Zustand und entlang des Chandra-Flußes wird die Landschaft zusehends reizvoller, doch leider dämmert es bereits, so dass wir die letzten Kilometer sogar in Dunkelheit fahren müssen. Tiefer im Chandra-Tal finden sich bereits die ersten Hinweise auf akute Bautätigkeit. Bis 2015 soll der Rhotang (was übersetzt angeblich „heap of bodies“ - Leichenberg- heißen soll?!) durch einen 9 Km langen U-förmigen Schacht untertunnelt werden. Zukünftige Traveller-Generationen werden wohl einfach, schell und trockenen Fußes nach Keylong gelangen können. Für uns ist allerdings die Erleichterung, als wir letztendlich die Lichter Keylongs am Horizont erblicken, nur schwer in Worte zu fassen…

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Zuletzt geändert von wwwutz am 22.09.2011 22:07, insgesamt 3-mal geändert.
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Re: Let´s get Leh´d

Beitragvon wwwutz » 22.09.2011 21:52

elke hat geschrieben:Hallo Dreimalw-utz,

na, das nenn ich ne geile Reportage. Bin auch sehr gespannt, wie es weitergeht.
Gleich mal noch ein Tipp: kannste nicht aus dem ganzen ein PDF machen (wenn alles fertig ist),
damit man das dann ausdrucken kann? Bin nämlich eine eingefleischte Sowas-gern-in-der-kuschligen-Sofaaeck-Leserin!

Aber wenn nicht, auch nicht so schlimm, kam mir nur ganz spontan als Idee...

Mach mal weiter!

LG
Elke



Hallo Elke,

schon mal vielen Dank für die Vorab-Blumen! Hoffentlich wird der Bericht dem Ganzen gerecht :shock:
Aber trotzdem eine gute Idee, sobald ich den Text komplett habe, werde ich mal versuchen auch die Fotos in meiner Textverarbeitung irgendwie ansehnlich einzufügen... wenn das geklappt hat kriegste dein PDF! :wink:

Viel Spaß beim Lesen!
Jörn
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Re: Let´s get Leh´d

Beitragvon hertschi » 23.09.2011 12:15

Hi Joern,

kann mich Elke nur anschliessen ... das PDF kannst du ja am Ende der "offiziellen" Veroeffentlichung nochmal zur Verfuegung stellen (ist ja wie mit dem Adventskalender ... ein Tuerchen nach dem anderen) ... ansonsten ... super und nett beschrieben ... LEH kenne ich - allerdings mit dem Flieger - ist zwar schon wieder 16 Jahre her (allerdings Februar)... hat was ... und Buttertee ist fuer mich immer noch NO GO ...

z.Th Hoehenluft ... mit dem Flieger isses nochmal schlimmer ... da kommste ausm Flieger und laeufst wie auf Watte)

Gruss Hertschi
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Re: Let´s get Leh´d

Beitragvon elke » 23.09.2011 21:35

Oh Gott.. dieser Pass... und dieser Lehmmatsch! Schüttel!
Herrlich, wenn man solche schönen Schmuddelbilder genüsslich schlürfend (im besten Falle einen leckeren Roten) mit warmen Füßen vor dem heimischen Bildschirm genießen kann! Wie sagte eine berühmte Dame: "Dabei ist alles!" In diesem Fall weiß ich nicht, ob ich unbedingt in der Matsche fahren wollen täte ;-))

Aber die Socken sind geil!

LG
Elke (geht jetzt zum Sockenstricken :lol: )
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Re: Let´s get Leh´d

Beitragvon wwwutz » 26.09.2011 08:15

hertschi hat geschrieben: wie mit dem Adventskalender ... ein Tuerchen nach dem anderen) ...


Sorry, habe nicht vor die Spannung künstlich zu erhöhen.
Aber jeder der schon mal einen Reisebericht online gestellt hat weiß wie viel Zeit das ganze verschlingen kann. Bis ich diesen Bericht an einem Stück "druckreif" hätte, wäre bestimmt schon wieder der übernächste Urlaub vorbei, da hab ich mich einfach mal ein bisschen selbst unter Druck gesetzt und versuch nun jeden Woche wenigstens eine Etappe zusammenzusetzen und online zu stellen... :wink:

hertschi hat geschrieben:.. LEH kenne ich - allerdings mit dem Flieger - ist zwar schon wieder 16 Jahre her (allerdings Februar)... hat was ...

Leh in Februar :shock: :?: Respekt :!: Und vor 16 Jahren bestimmt mehr als exotisch, oder :?:


elke hat geschrieben:Aber die Socken sind geil!
LG
Elke (geht jetzt zum Sockenstricken )

:lol: :lol: :lol: :lol:

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Re: Let´s get Leh´d

Beitragvon hertschi » 26.09.2011 11:49

Hi Joern

hertschi hat geschrieben:.. LEH kenne ich - allerdings mit dem Flieger - ist zwar schon wieder 16 Jahre her (allerdings Februar)... hat was ...

Leh in Februar :shock: :?: Respekt :!: Und vor 16 Jahren bestimmt mehr als exotisch, oder :?:

... ja hatte was ... in der Sonne kalt aber noch ertraeglich ... im Schatten (insbesondere Nachts) "arschkalt" (um die 15-20 !! :-( ), Klo ohne Fenster, Zimmer mit Kerosinofen (online Befuellung - man konnte entscheiden was besser ist - Fenster auf und frieren oder Kerosinduft) ... Einfachverglasung und Teppich als Vorhang ...
und die Leute in "Fruehlingsstimmung" ... "leichtes" Schuhwerk und bester Stimmung :-)...
bemerkenswert fand ich auch - als wir uns mit einer Kanadierin unterhalten haben die schon seit September in Leh war ... den ganzen Winter ueber .... da muss man ganz schoen motiviert sein ...

Hertschi
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Re: 3.Etappe: Zur ZinZingBar

Beitragvon wwwutz » 30.09.2011 16:39

...
Der Vor-Fall an der Zingzingbar


Day off in Keylong:


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Das Snowland-Hotel empfängt uns sogar mit großen Zimmern und einer Dachterrasse, beides sehr gut geeignet unsere triefenden Klamotten zum Trocknen aufzuhängen, und, noch viel wichtiger, mit einer heißen Dusche! Aber bitte in Nordindien dran denken: der Heißwasser-Boiler ist IMMER aus! Wer verpasst den versteckten Schalter mindestens 15 Minuten vorm Duschvergnügen umzulegen wird vergeblich am roten Hahn drehen (der hier auch durchaus mal blau sein kann ;-) ).


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Das Chandra-Tal


Keylong liegt auf „nur“ 3100m und ist der einzige größere, ganzjährig bewohnte Ort auf dem Manali-Leh-Highway, tiefer herunter als 4000m kommen wir die nächsten Tage nicht mehr und alle weiteren Ansiedlungen auf unserem Weg bestehen von jetzt an ausschließlich nur noch aus temporären Unterkünften. So gönnen wir, nachdem der gestrige Tag ja mehr einer Motorradfahrt durch eine Waschanlage gleich kam, Mensch und Maschinen hier einem verdienten Erholungstag und genießen noch einmal ein kleines bisschen Zivilisation. Das Örtchen ist bereits leicht lamaistisch geprägt, da ein Großteil der Bewohner aus Gastarbeitern aus Tibet besteht, die allerdings während des Winterhalbjahres weiter den Touristenströmen hinterher ins südlichere Goa ziehen. Lediglich ein Drittel der Bevölkerung ist hier wirklich (ein)heimisch und verbringt hier auch die drei bis vier Wintermonate, in denen Keylong komplett von der Außenwelt abgeschnitten ist. Wie normal das Leben, selbst eingehüllt in Eis und Schnee, dann weiterläuft wird uns vom Besitzer des Snowland eindrucksvoll geschildert. Wir können nur zuhören und staunen.


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Blick auf Keylong

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Alles Mist!


Im Nachbargarten sonnen sich drei Holländer, die wir gestern auf einer Teiletappe überrundet hatten, allerdings ohne ihre dazugehörigen Enfields. Die Jungs mussten ihre Bullets tatsächlich oben im Berg zurücklassen, nachdem bei Zweien die Kupplung und bei der Dritten schließlich die Elektrik versagte. Eine eiskalte Übernachtung auf der Flanke des Rhotangs bleibt ihnen nur erspart, weil sich einer der Gestrandeten spätabends und recht verzweifelt vor einen herannahenden Bus stürzt, und diesen damit zum Halten zwingt. Da der Tata bereits morgens um 3ooUhr schon vollkommen überfüllt gestartet war, wurden die drei Flachlandbiker nicht gerade wohlwollend empfangen, zuletzt aber doch noch aufgeladen und mitgenommen. Nennt mich Weichei, aber nach solch einem Tag, im Mittelgang eines Busses eingekeilt stehend, vier Stunden nachts über eine Passstraße im Himalaya zu poltern… das gehört zu den Erlebnissen auf die ich dann doch gerne verzichte ;-). Hier ist auch, glaub ich, die richtige Stelle um schon einmal für unsere weiblichen Tourteilnehmern die vollste Anerkennung auszudrücken, die allen physischen und psychischen Anstrengungen zum Trotz sich und ihre Untersätze souverän über/durch alle Hindernisse geschaukelt haben: Mädels - Klasse!!!


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Im Nordstau der Berge bleiben nicht nur Motorräder hängen


Der Monsun erreicht das Chandra-Tal nicht mehr mit voller Kraft und außer einem kurzen mittäglichen Schauer scheint uns die Sonne. Die Landschaft wird zusehends eindrucksvoller und der hiesige Bullet-Mechanic kümmert sich um die malade Zündbox einer unserer Enfields. Es gibt eigentlich wenig Grund zum mäkeln…


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Here!

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Es wird noch bis spät gebastelt-

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-doch wirklich reisefertig sind wir morgens trotzdem noch nicht


... doch leider müssen wir erfahren dass in den letzten Wochen solch große Niederschlagsmengen registriert worden sind, dass diese sogar einen 30-Jahres-Rekord darstellen. Wir hoffen still dass sich diese Information möglichst nur auf die Rhotang-Region bezieht, stellen aber alsbald fest, das Straßen und Brücken nicht nur etwas über die üblichen Winterschäden hinaus baufällig, sondern streckenweise gar nicht mehr vorhanden sind.


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Unübersichtliche Kurven sind nicht die ganze Wahrheit


Acht Kilometer vor Keylong betreibt in Tandi die Kartoffel-Kooperative aus Lahul die einzige Tankstelle des gesamten MLH. Den Knollenhandel als solchen gibt es schon lange nicht mehr, aber die einsame Zapfsäule besteht immer noch - wohl aufgrund der ausgefeilten Sicherheitstechnik- und ist natürlich Pflichtstopp für jeden Reisenden. Die nächste verlässliche Benzinversorgung gibt es erst wieder im Indus-Tal, 365 Km weit entfernt, kurz vor Leh. Auf Anraten von Anu hatten jeder (zum Glück!) während der Überquerung des Rhotang seine jeweils beiden Zusatz-Kanister leer gelassen, doch jenseits von Tandi gibt es keine Alternative mehr und wir befüllen hier alle zur Verfügung stehenden Gefäße mit Brennstoff.


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Die Potato-Pump

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Redundante Sicherheitssysteme

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Into the wild



3. Etappe: Keylong bis ZingZingBar

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Zingzingbar 67Km!

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Tiefer im Bhaga -Tal


Wir genießen richtig die ca 30Km Fahrt im Sonnenschein entlang des Bhaga-River, auf recht passablen Asphalt und durch fantastische Hochgebirgslandschaften. Mit den 60 Häusern von Darcha lassen wir den letzten besiedelten menschlichen Vorposten ohne Stopp hinter uns, uns zieht es weiter! Direkt hinter Darcha liegt nämlich das Unbeschreibliche, hier beginnt der Anstieg zum Baralacha-La, das geballte Glück des Bikers, bestehend aus schlechten Wegen, eiskalten Gletscherbächen, frostigen Temperaturen, atemberaubenden Landschaften und selbstverständlich einer gehörigen Portion AMS- der Höhenkrankheit.
Wie in einer Achterbahn geht es auf und ab über einige der höchsten befahrbaren Pässe der Erde, gesäumt von schneebedeckten 7000ern, quer über den Himalaya-Hauptkamm. Das geplante Tagesziel Sarchu ist ca.120 Km entfernt, aber auf dieser kleinen Distanz mobilisiert die Bergwelt alles was sie zu bieten hat, das ist die Quintessenz, das Sahnestück des MLH!
… Und natürlich auch das Stück mit dem miesesten Straßenzustand.


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Biker in den Bergen


Das Schmelzwasser der umliegenden Gipfel läuft natürlich viel lieber ungezügelt und quer über die schlechte Piste, statt brav in seiner Senke zu bleiben, und somit bleibt uns die Freude der einen oder anderen erfrischenden Wasserdurchfahrt nicht erspart.


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Der kräftigste Fahrer der Truppe (ich ;-)) ist neben 15 Litern Extrasprit noch mit der kompletten Camping- und Fotoausrüstung bepackt, so bekommt die Bullet in der Mitte der Wasserdurchfahrt krachend Bodenkontakt – und stirbt den Sekundentod. Unsere „Classics“ haben natürlich keinen E-Starter und der Wasserstand ist natürlich höher als meine Stiefel. So bin ich der Erste (aber nicht der Einzige ;-)) der sich beim Kicken erst mal kräftig seine Socken wässert. Hier der Praxis-Tipp für angehende Gebirgsbach-Fahrer: entweder immer genügend Plastiktüten dabei haben, um nach Opas Sitte das nächste Paar trockener Socken vor den nun feuchten Schuhen zu schützen… oder einfach gleich in Badelatschen die Furten queren (kein Witz!).


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Eiswasser? Pah, lässt mich kalt!


Wir krabbeln immer höher, die Temperaturen sinken. Das Fahren macht trotz des harschen Klimas gewaltig Spaß, doch wir staunen immer wieder über die vereinzelten Zeltlager der Straßenarbeiter, die hier, inmitten der Einöde und unter kargen Bedingungen leben und versuchen mit einfachsten Mittel die gröbsten Schäden in der Fahrbahn zu beseitigen. Respekt!


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So passieren wir auch gegen Mittag ZingZingbar, ein weiteres Camp des Straßenbautrupps, bestehend aus einer einfachen alten Steinhütte sowie drei Mannschaftszelten, ohne uns weiter Gedanken zu machen. Doch nur wenige Kehren weiter wissen wir warum dieses Lager gerade hier steht. Das Tal steigt nun steil an, öffnet dafür aber den Blick auf die Hauptkette des Himalaya. Ab hier besteht die Welt nur noch aus Wind und Eis.
Doch zwischen uns und den zum Greifen nahen Eisriesen bahnt sich ein breiter und ausgesprochen tiefer Gletscherfluss seinen Weg über den MLH.


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Hier wird die Tagesplanung spontan beein-flusst

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Wir beobachten die Stelle ein Zeit lang, neben uns steht ein recht ramponierter und scheinbar angeschwemmter Tata Nano. Bei den kreuzenden LKWs reicht das Wasser fast bis zur Stoßstange -hmmm- es ist schon 14ooUhr und bis Sarchu (der nächsten garantierten Unterkunft) sind es noch über 60 Km, niemand verspürt große Lust diesen letzten Teil der geplanten Tages-Etappe eventuell mit durchnässten Klamotten zu durchfrieren. Meist sind in den frühen Morgenstunden die Pegel der Schmelzwasserflüsse geringer und in ZingZingbar steht scheinbar eine Unterkunft im Arbeiterlager zur Verfügung. Ein kurzer Kriegsrat wird einberufen, dessen Entscheidung aber durch das auf- oder besser ab-tauchen eines weiteren Motorradreisen vor Ort maßgeblich beschleunigt wird.

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Queren oder nicht queren?


Ein -wie sich später herausstellt japanischer- Globetrotter versucht die Wasserdurchfahrt! Masa-san und seiner 125er(!) Honda Hero ist allerdings kein Glück beschert und beide landen im beißend kalten Wasser. Sofort sind ein paar Passanten zur Stelle und helfen bei der Bergung von Masa und Honda, allerdings war die Hero bereits untergetaucht und hat sich einen kräftigen Schluck aus dem Gewässer genehmigt. Er nimmt indes diesen Vor-Fall mit asiatischer Gelassenheit.


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Bergung des Umfallfahrzeugs

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Asiatischer Langmut

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Reise-Aquarium?

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Aber er ist ja doch nicht ganz auf sich allein gestellt. Wir vertagen unsere Durchfahrt endgültig auf Morgen, rollen mit ihm zurück ins Camp und helfen natürlich unserem japanischen Gesellen bei der Demontage der Hero. Und tatsächlich springt, nach Entwässern des Vergasers und Trockenlegen des Luftfilters, die treue 125er wieder klaglos an. Freude macht sich breit und Masa organisiert zur Feier des Tages hier oben wirklich noch zwei Bier :mrgreen: .


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Aus dem großen Suppentopf gibt es Dhal mit Reis (der in diesen Höhen –über 4300m- nur noch im Dampfdruck zu garen ist) für alle und wir beziehen unsere Ecke des Kommunezimmers. Hier wird streng getrennt: Betten links für die Bauarbeiter, rechts für die gestrandeten Touristen, zu denen sich noch ein französisches Pärchen gesellt. Die „Betten“ entbehren jedoch jeden Lattenrostes und bestehen nur aus aufgehäuften Steinen, statt Matratzen gibt es einige übereinander gelegte Decken. Hier zahlt sich das Mitführen unserer Synmats und der eigenen warmen Schlafsäcke definitiv aus!


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Nicht das Bier, die Sonne ist schuld!

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In der ZingZingbar


Doch Synmat hin und Schlafsack her, egal ob ZingZingbar oder Sarchu: die erste Nacht in den Bergen ist garantiert eine schlaflose Angelegenheit! Mit viel Drehen und Wenden wartet man ungeduldig auf einen baldigen Tagesanbruch, pausiert nur durch schneidend kalte Gänge um das 9-prozentige Bier des „Godfather“ wieder los zu werden…

Doch wie auch immer die Nacht verlaufen sein mag, beim morgendlichen Eis kratzen grüßt uns der nächste Tag mit einem überwältigenden, rundum versöhnlichen Sonnenaufgang.


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Heute wollen wir endlich ein paar "Meter" machen, heute, so haben wir uns das jedenfalls fest vorgenommen, wollen wir über die Wetterscheide des Baralacha-La hinaus. Mit jedem überquerten Pass soll das Wetter besser, die Luft trockener werden. Kurz hinter Sarchu befindet sich dann nicht nur die politische Grenze zwischen Himachal Pradesch und Jammu Kaschmir, auch geologisch beginnt dort endlich das sonnenverwöhnte und wüstenhafte Ladakh…


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Re: Let´s get Leh´d

Beitragvon Nueschtmanescht » 02.10.2011 10:28

Hallo

Einfach nur toll zu lesen. Weiter so. :)
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4.Etappe: Von Zingzingbar nach Pang

Beitragvon wwwutz » 09.10.2011 20:32

Nasse Füße & trockene Kehlen



Merklich gefallen erscheint uns der morgendliche Wasserstand bei Erreichen der Durchfahrt zuerst nicht, allerdings ist die Breite deutlich zurückgegangen, sodass der Pegel eigentlich tiefer sein MUSS! Der effektivste Weg - wenn vielleicht auch nicht der ästhetischste- seine Hosen und Schuhe bei der Querung trocken zu halten, besteht in dem einfachen Vorgehen erst gar keine Hosen und Schuhe an zu haben ;-).
Ein Teil des Gepäcks wird von einem freundlichen Trucker zu anderen Ufer geshuttelt, nachdem unsere Kniescheiben bereits Bekanntschaft mit dem schmerzlich kalten Strom machen durften. Nun sind die Enfields dran: eine nach der anderen wird durch die Senke gepaddelt, während die anderen Mitfahrer im Wasser Spalier stehen um, falls jemand den „Masa macht“, auch ausreichend schnell zugreifen zu können. Mit tauben und krebsroten Beinen huschen wir wieder in unsere Kleider, brrrr, aber die deutsch- französisch- japanische Kooperation hat gut funktioniert!


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Als erster und mit kräftigem Vorsprung startet Masa-san gen Gipfel, während wir noch unser Gepäck aufsatteln; doch schon ein paar Minuten später haben wir ihn und seine 125er wieder ein- und überholt. Tapfer, aber nur im Schneckentempo, kämpft sich sein schwer beladenes Gefährt bergauf.


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Am Baralacha -La queren wir nun schließlich den Hauptkamm des Himalaya. Ein berechtigtes Hochgefühl stellt sich ein und erste persönliche Rekorde purzeln, schließlich sind wir auf fast 5000 Metern üNN. Die ganze weitläufige Szenerie ist umringt von Gipfeln, die die 6000er Marke deutlich übersteigen, hier fährt man direkt im Himmel!


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Hier oben am Baralacha- Pass entspringen die beiden Täler von Bhaga (nach Süden) und Chandra-River, welcher hier zuerst Richtung Westen abfliest um sich, weit hinter und tief unter uns, in Tandi wieder mit dem Bhaga zu vereinen. Mein Blick weiß nicht wo er ruhen soll- überwältigend sind die Aussichten.


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Uns überwältigt aber auch die Aussicht hier oben tatsächlich noch eine der typischen kleinen „Highway“- Raststätten zu finden, und die Möglichkeit für einen Stop mit warmen Tee in den Zelten von Bharatpur wird nur zu gerne wahrgenommen. Wir warten noch eine Zeit lang auf unseren japanesischen Weggefährten, doch leider vergeblich. Wir werden ihn erst heute Abend an unserem Nachtlager wieder sehen, da, wie sich später herausstellt, die eh schon sparsame Motorleistung seiner Hero in der Höhenluft derart rapide abnimmt, das er an steilen Beragauf-Stücken absteigen und neben seinem „Kraft“-Rad herlaufen muss! Da zieh ich meinen Eiboshi - der Mann ist wirklich durch nichts zu erschüttern!


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Typische MLH- Raststätte, schon von weitem lockt der Tee

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Aber nun verlassen wir langsam die alpinen Gebiete. . . nicht das es wirklich tief bergab geht, aber die Landschaft ändert sich nun zusehends. Die schroffen grauen Granitfelsen treten zurück und braun-beiges Sedimentgestein rückt sich ins Blickfeld, die Schneekappen auf den Berg-Scheiteln werden kleiner, das ganze Umfeld trockener, die Wasserdurchfahrten schmaler und flacher. Als wir die Talsohle erreichen (immer noch auf 4400m!) scheint zu guter Letzt von oben kräftig die Sonne und vor uns liegt ein astreines und schnurgerades Asphaltband. Zum ersten Male rastet der 4.Gang der Bullets ein, nur Fliegen kann schöner sein- WOW!


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Im Rückspiegel die Wetterscheide, im Getriebe der 4. Gang – geht’s besser?

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Im Sarchu-Tal

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Tsarap, Grenzfluß zwischen HP und JK

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Von nun an wechselt alle zwei Stunden die Landschaft. Mit jeder Minute wird es trockener und staubiger. Wir folgen weiter dem Flusslauf des Tsarap, kurz hinter Sarchu überqueren wir eine Brücke, und *schwupp* ganz plötzlich befinden wir uns an der Grenze zu Ladakh, am Einlass zum „Paradise of India“!


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Trockene Kehlen statt nasser Füße


Langsam rücken die Berge wieder näher zusammen. Doch kurz bevor das Ende des Talkessels erreicht ist, knickt die Straße keck ab und wirft sich hangaufwärts. Hier wartet ein weiteres Bonbon der Border Road Organisation (BRO) auf uns: die Gata-Loops!


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So sieht Google die Gata-Loops

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So siehts für uns aus

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Die Überfahrt über die 21 Spitzkehren des nordindischen Stilfser Jochs wirft uns nun endgültig in einen gänzlich anderen Kosmos. Der Himmel tiefblau, die Erde trocken und staubig. Die nächste Pässe sind bereits alle 5000er, ein ständiges links und rechts, ein ständiges auf und ab, Motorradfahren wie auf einem Karussell!

Der Wind pfeift kräftig als wir am Steinmänchenwald des Nakeela-La rasten und von dort die letzten Blicke zurück auf die Eisriesen werfen können. Am Lachung-La ist die bekannte Welt dann endgültig verschluckt. Vor uns windet sich die Strasse nun ausschließlich durch eine wüstenhafte Bergwelt, noch faszinierender und noch ungewohnter als die alpinen Gebiete der Himalaya-Hauptmasse umschließt uns hier langsam die Welt der höchstgelegenen Trockensteppen. Zwischen den Steinwänden der Südseite springt der Geist noch wild im pingpong hin und her, hier ist er gänzlich frei, die Überwältigung grenzenlos, ein magisches Stück Erde.


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Hier mal die ganze Truppe, nach Niveau gestaffelt



Nun kann man es fast schon riechen, doch zwischen uns und Leh liegt noch der zweithöchste Pass der Erde und bis zur Stadt mit dem höchstgelegenen kommerziellen Flughafen der Welt ist es noch weit, zu weit für das verbleibende Tageslicht.
Allerdings hat wohl niemand mehr ernsthaft damit gerechnet, dass wir dort heute wirklich noch ankommen. Die nächste mögliche Unterkunft besteht in Pang, wo wir uns dann auch entschließen den Tag zu beenden.


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Pang, nicht viel mehr als ein temporäres Zeltlager der indischen Armee, duckt sich windgeschützt in diese beeindruckende Felslandschaft. Unsere Unterkunft besteht nur aus einer zweckentfremdeten Fallschirmkappe, aber die Versorgung ist freilich mehr als gut: drei Gerichte stehen zur Auswahl, sowie Bier und Kitkat-Riegel sind im Angebot! Da wollen wir uns mal nicht beschweren- das sichert die Moral der Truppe vor dieser weiteren Höhennacht.


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Bitte das Häuschen links oben beachten!

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Denn selbst nach langer Akklimatisierung und mehreren Nächten in großer Höhe ist, auch wenn niemand akute AMS-Symptome zeigt, jede Bewegung purer Mühsal. Der fesselnde Anblick des nächtlichen Lagers, die Fallschirmzelte von innen rot erleuchtet, umgeben von kahlen, ariden Höhen, darüber ein tiefer, klarer Himmel voller leuchtender Sterne. Dies stellt an und für sich ein sehr dankbares Fotomotiv dar- doch die Motivation mit schwerem Rucksack einen potentiellen Aussichtspunkt zu erklettern löst sich in der dünnen Atmosphäre quasi von alleine in Luft auf. Im Nachhinein sehr schade.


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Doch der verringerte Sauerstoff-Partialdruck hindert uns nicht daran uns ausgesprochen gut zu amüsieren, z.B. über die sinnreichen Kloregeln auf der Kommune-Toilette des Zeltlagers: über einer 2m tief gähnenden Grube thront eine einfache Bleckkiste –natürlich vorne offen- darin nicht mehr als ein rechteckiger Ausschnitt im Boden. Und tatsächlich verzichtet der Betreiber dieses Luxus-Aborts nicht auf den energischen Hinweis an die Damen, doch keinen Unrat in den Abtritt zu werfen … aber zu Glück fühle ich mich damit ja nicht angesprochen :-D.


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Zuletzt geändert von wwwutz am 12.10.2011 17:25, insgesamt 1-mal geändert.
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