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Murphys Seidenstraße - Stresstest für meinen Optimismus

Und wo warst Du?

Murphys Seidenstraße - Stresstest für meinen Optimismus

Beitragvon Maikel » 02.08.2017 19:46

Murphys Seidenstraße hieß ursprünglich Alpidischer Gürtel und war geplant als sechs wöchige Rückfahrt von der Mongolei nach Deutschland. Meine KTM 640 war von der Reise über Sibiriens BAM Road noch in Ulaanbataar geparkt. Nach dem Offroadfeuerwerk im letzten Jahr hatte ich schon Sorge mich würde die Reise über den Pamir und entlang der Seidenstraße langweilen. Leider kam alles anders und ich war mit einer Pechsträhne epischen Ausmaßes konfrontiert.

Mit der Anzeige hier im Forum, http://forum.motorradkarawane.de/viewtopic.php?f=12&t=8287&p=36841#p36841 konnte ich zu meiner großen Verwunderung Cate begeistern sich mir anzuschließen. Trotz einiger Kompromisse und entgegen meiner anfänglichen Befürchtungen war sie eine große Bereicherung während der Reise.

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Der Start in der Mongolei lief noch halbwegs rund und wir hatten eine gute Zeit in den nördlichen Ausläufern der Gobi Wüste. Witterungsbedingt war ein tiefes Eintauchen in Bergstraßen und Offroadpisten im Altai zu kritisch. In Kasachstan trennen sich unsere Wege. Cate fährt den Pamir und ich versuche erfolglos mein Motorrad wieder flott zu kriegen. Der folgende Wechsel vom Motorradreisenden zum Backpacker bleibt hoffentlich eine einmalige Erfahrung. In der sengenden Hitze Usbekistans komme ich nur noch mit allen Möglichkeiten des öffentlichen Transports weiter bis wir die Snaiths treffen. Aserbaidschan und Iran erlauben mir dann wirklich in die Welt der Backpacker einzutauchen.

Cates Reise dauert noch an während ich bereits wieder zuhause bin. Ihren Blog könnt ihr ebenfalls verfolgen:
http://27laenderauf2raedern.de/
Mich würde es auch sehr freuen wenn der ein oder andere sich bereit erklärt als Danke für den folgenden Bericht ihre Spendenaktion zu unterstützen:
http://www.meine-spendenaktion.de/aktion/ausreit-auf-2-raedern-sos
Zuletzt geändert von Maikel am 02.08.2017 21:44, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Murphys Seidenstraße - Stresstest für meinen Optimismus

Beitragvon Maikel » 02.08.2017 20:03

Anreise:

Die Reise hat noch nicht begonnen und trotzdem schon ein Anspannungsachterbahn wie ich sie noch nie erlebt habe. Aber von vorne.

Freitag 3 Werktage vor Abflug teilt mir meine Visa Agentur mit das mein Pass nicht wie geplant 2 Tage vor Abflug ankommt weil das Iranische Konsulat aufgrund der Wahlen am Freitag keine Visa ausstellt. Gut wenn Montag alles klappt kommt der Pass per Express am Dienstag. Wer Last Minute Express Visa bestellt kann nicht erwarten, dass man den Pass mehrere Tage vorher hat. Unerfreulich aber damit war für mich die Sache erstmal gut.

Montag 2 Tage vor Abflug. Nichts tut sich. Ich packe meine Sachen zusammen und stelle fest, dass ich fast 10kg Übergepäck habe. Eigentlich kein Wunder wenn Bremscheiben, Kettenkit, 3 Schläuche und diverse andere Ersatzteile ins Gepäck müssen. Bei den Mehrkosten von 40€ laut Aeroflot Hompage keine große Sache.
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Dienstag 1 Tag vor Abflug ein verpasster Anruf von der Visa Agentur. Mir schwant Übles. Mein freundlicher und bemühter Visa Agent erklärt mir beim Rückruf, dass aufgrund eines IT-Ausfalls im Iranischen Konsulat mein Pass am Montag nicht bearbeitet werden konnte. Er veranlasst aber alles am heutigen Tag und bräuchte die Flugdetails um mir den Pass an den Flughafen zu schicken. Ich rede mir mehrfach ein, dass es diesen Ausweisabholschalter nur gibt weil das regelmäßig passiert und funktioniert trotzdem bin ich angespannt. Mein Arbeitskollegen scherzen schon du darfst gerne morgen auch zur Arbeit kommen. Trägt nicht zu Beruhigung bei aber ich würde es ja gleich machen. Mittags überleg ich kurz den Ausweis noch selbst abzuholen und dann ruft mein Visa Agent wieder an. Leider sei mein Ausweis noch im Turkmenischen Konsulat und kann heute nicht mehr abgefertigt werden. BAM Paukenschlag mein Ruhpuls beträgt mindestens 150 Schläge. Also Telefondienst mit der Fluggesellschaft Aeroflot. Mein Flug von München über Moskau nach Ulaanbataar kann nur auf den 2.6 umgebucht werden. Die Famose Begründung der Flug von Moskau nach Ulaanbataar wir im Auftrag durch MIAT Mongolia durchgeführt. Eine Umbuchung auf die reinen Aeroflot Flüge die von 25-28 Mai täglich Sitzplätze verfügbar haben ist nicht möglich. Stornieren kostet angeblich 300€. Der Notnagel von Frankfurt zu fliegen und den Pass davor bei der Visa Agentur abzuholen scheitert auch an der Bürokratie von Aeroflot. Mein Visa Agent will es nicht wahrhaben und telefoniert noch selbst erfolglos mit Aeroflot. Fazit ich storniere den Flug und Teile meiner Visa Agentur die 415€ Storno Kosten mit und verweise auf den Umsatz den sie mit mir bereits gemacht haben.

Mittwoch geplanter Abflugtag. Auf Rückfrage teilt man mir bei der Visa Agentur mit das ihnen mein Pass nun vorliegt und bezüglich der Kosten würde sich die Geschäftsleitung melden. Klasse Idee einem Kunden nach zu telefonieren der plant 6 Wochen überwiegend durch Regionen zu Reisen in denen er von der Außenwelt abgeschnitten ist. Ich freu mich jetzt schon auf das Gespräch das mich horrende Telefongebühren kostet und wahrscheinlich nach viel Gejammer mit einer Nullnummer endet. Wir vereinbaren das ich den Pass in Frankfurt abhole und kümmere mich um einen Flug am Freitag. Mein Reisebüro ist mir keine Hilfe über ihre Homepage kann ich den Flug nicht buchen und über die Hotline verweist man mich an die Fluggesellschaft. Immerhin werde ich von Olga gut beraten. Sie erklärt mir das ich 150€ für die 10kg Übergepäck rechnen muss. Die Erklärung für die Differenz findet sich logischerweise im Kleingedruckten der Homepage. Sie rät mir einen Flextarif zu wählen in dem ich zum Gleichen Preis zwei Gepäckstücke a 23kg aufgeben kann und das Ticket sei umbuchbar und voll rückerstattungsfähig. Nach der Erfahrung davor war ich gleich überredet. Mein mühsam verpacktes Gepäck wird nochmal zerrupft und in die Mehrmenge passt jetzt auch meine Motorradausrüstung. Alles Negative hat auch positives auch wenn, dass im nach hinein sehr sehr teurer Komfort ist. Gut das es gleich noch zwei weitere positive Gedanken zum Festhalten gibt. Ich kann noch den Geburtstag eines Freundes besuche und mit anderen Freunden am Donnerstag schön grillen.

Freitag 4:30 ich habe verschlafen. Der Frisörtermin entfällt direkt duschen, frühstücken und rein ins Auto. 8:45 lerne ich meinen Visa Agenten persönlich kennen und ich weiß nicht wer mehr Glück hatte. Er weil er meinen Ausweis auch wirklich hatte oder ich weil ich wirklich starten konnte. Egal auf zum Flughafen es ist zwar noch viel zu viel Zeit aber lieber mit als ohne Pass auf den Abflug warten. 14:05 geht der Flieger. Der Landeanflug auf Moskau beginnt um 18:10 das Boarding für den Anschlussflug beginnt um 18:20. Eine Durchsage im Flugzeug gibt eine Gateänderung von 5 zu 3 durch. Zum Glück habe ich eine Aeroflotangestellte nach dem Weg gefragt. Andernfalls hätte ich zu spät erfahren das dieses Terminal kein Gate 3 hat und Gate 5 nach wie vor richtig ist. Wenig überrascht hat mich hingegen ihr Hinweis dass ich spät dran sei, trotzdem hat alles geklappt.
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Samstag noch im Flieger wird mir klar, dass der Mückenstich vom Mittwoch sich entzündet hat. Ich versuche verzweifelt mein Bein so abzustellen das der Schmerz nachlässt aber ohne Erfolg 5:50 landet der Flieger in Ulaanbataar. Kurze Passkontrolle, schnell das Gepäck mitnehmen und endlich ankommen war in meinem Kopf. Immerhin hat das mit der Passkontrolle geklappt aber nachdem das Gepäckband zum Stehen kam ohne das mein Gepäck dabei war die Anspannung schlagartig wieder voll da. Als mich die Flughafenangestellte dann zum „Lost and Found“ Schalter geschickt hat beruhigte das ungemein. Es wurden Daten aufgenommen die Gepäckstücke klassiert und dann hieß es ich solle morgen bei Aeroflot anrufen sehr wahrscheinlich käme mein Gepäck im nächsten Flieger. Zugegeben kann ich mir gut vorstellen es nicht möglich war in der kurzen Zeit mein Gepäck vom einen in den anderen Flieger zu laden aber warum sagt einem das keiner Vorher??? Gut Unterhose einmal wenden, das Beste hoffen und die Zahnbürste kostet ja kein Vermögen. Mein Puls beruhigt sich schnell wieder so langsam hat er ja auch Routine. Draußen möchte mir wieder eine Taxifahrer 20 Dollar abknöpfen am Ende bekommt er umgerechnet 13 weil er mir so sympathisch war. Auf dem kurzen Fußweg zwischen Geldautomat und OASIS wird mir dann aber klar dass die Entzündung langsam hässlich wird. Ich kann kaum noch auftreten und die 300m werden zu einer echten Qual. Auf jeden Fall war es schön am OASIS anzukommen auch wenn außer dem Wächter keiner wach und das Personal noch nicht anwesend war.
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Re: Murphys Seidenstraße - Stresstest für meinen Optimismus

Beitragvon Maikel » 02.08.2017 20:17

Mongolei:
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Ein kleiner Stadtbummel am Sonntag, nette Gespräche mit den anderen Reisenden am Oasis alles fühlt sich an als wäre ich dazwischen nie zuhause gewesen. Mein Motorrad bekomme ich direkt am Montag Cate erhält ihres erst am Dienstag, dass sie eine tolle Sozia ist tröstet sie leider gar nicht darüber hinweg. Nachdem mir die Reifen fehlen nutzt mir der Tag wenig auch wenn ich mit den anderen Arbeiten durchaus ausgelastet bin. Als wir Mittwoch mit 3 Tagen Verspätung losfahren bin ich mit dem Zustand meines Motorrads auf jeden Fall sehr unzufrieden. Zuhause wäre ich so nicht gestartet.
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Schon der erste Fahrtag beginnt mit zwei Pannen. Zuerst verliert Cate fast das Hinterrad weil sich die Achsmutter löst mitsamt dem Kettenspanner ist diese natürlich verloren. Zu meiner verwunderung zaubert ein hilfsbereiter Mongole tatsächlich ein Achsmutter hervor und mit Unterlegscheiben kriegen wir das Motorrad wieder flott. Bei einem Ausflug auf einen Ausichtspunkt holt mich kurz darauf der festsitzende und deshalb falsch eingestellte Kettenspanner ein. Mir verrutscht die Achse aber nur und die Kette springt ab. Das Problem ist schnell behoben und ich gleiche den Abstand mit einer Mutter aus um das Problem zukünftig nicht wieder zu haben. Unser Tagesziel übertreffen wir dennoch und schlagen bei Khuld unsere Zelte auf. Am Abend eine Kuh am Morgen ein Mongole unbemerkt waren wir keinesfalls. Erdrückend ist die Gesellschaft in der Mongolischen Steppe trotzdem wahrlich nicht. Je mehr wir uns den Ausläufern der Gobi nähern umso karger wird die Vegetation und umso weniger Menschen und Tiere begegnen uns. In der Ferne entdecke ich eine Herde Trampeltiere und pirsche mich langsam mit dem Telezoom an. Nach kurzer Rücksprache mit Cate steuern wir anschließend „Ulaan Suvraga“ an. Es handelt sich um eine Felsformation abseits der Straße. Eine gute Gelegenheit um zu sehen was ich Cate zumuten kann. Schon die ersten Meter reichen um zu sehen das Cate mit der richtigen Einstellung im Kopf an die Sache herangeht. Den Rest wird etwas Übung schon richten und für den jetzt zerstörten Gepäckträger erhalten wir Unterstützung in Dalanzadgad. In örtlichen Kanisterladen kaufen wir auch einen Reservekanister für Cate der sie von da an ständig begleiten wird. Mir wird Dalanzadgad aber besonders deshalb in Erinnerung bleiben, weil ich mir zu meiner Verwunderung nicht den Arm gebrochen habe, als mich ein Mongole mit seinem Wagen in den Stacheldraht im Straßengraben befördert hat. Nach dem Unfall habe ich mein Gepäck hektisch gepackt und so verliere ich kurze Zeit später meine Waschtasche. Ohne die von Cate ausgerufene Pinkelpause hätte ich sie nicht wiedergefunden.

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Der Weg nach Bogd fühlt sich langsam nach echter Wüste an. Auch die Etappe nach Bayangovi bietet bereits einige kleine Sandschikanen. Am heftigsten wird es als Cate entgegen meiner Empfehlung durchs Flussbett fahren möchte. Danach frage ich mich doch ein wenig ob die 250er nicht vielleicht doch zu schwach ist. Cate hat im Sand zumindest nicht so viel Spaß wie ich. In Bayanlig wird langsam der größte Vorteil meiner KTM klar. Durch die Größe und Höhe trauen sich die Mongolen nicht ungefragt aufzusitzen. Bei Cates Honda passiert das regelmäßig. Für den Abend kaufen wir noch Erdnüsse. Die Nüsse sind uninteressant aber aus der Dose läßt sich einen Ersatz für das verlorene Prallblech des Kochers basteln. Der Schraubenschlüssel am Vortag hat nur bedingt funktioniert. Die nächste Etappe nach Biger hält wieder neue Schikanen bereit, Wasserrinnen die quer über die Straße laufen. Die erste überfliegen wir mit knapp 80 km/h und der anschließende Blickwechsel sagt alles. Wir drosseln die Geschwindigkeit was mir dann bei der nächsten Rinne zum Verhängnis wird. Mit guten 80km/h wäre nichts passiert. Wir Zelten kurz darauf und entzünden unser erstes Kackefeuer. Am nächsten Tag wird die Navigation nochmal richtig Mongolisch. Bis man am Kompass bemerkt das man die falsche Erdstraße genommen hat sind schnell 50km vorbei, aber auch beim GPS braucht man schnell 10km. Von den Einheimischen bekommt man auch nicht immer richtige Angaben. Am schönsten war es als uns eine Dame mit der kleinen Tochter als Sozia den weg weißt. Davor hat se uns noch selbstgemachten Käse geschenkt den wir logischerweise mit Süßigkeiten honoriert haben. Am nächsten Tag sind diese Probleme dann vorbei bei Altai treffen wird wieder auf Asphalt.
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Mein Motorrad ärgerte mich bereits vorher mit Startproblemen die ich mir nicht erklären konnte erst als es mich dann komplett hängen lies entdeckte ich den lockeren Steckkontakt der Zündbox. Kurze Zeit später ist sie dann völlig tot. Ich bin Cate unglaublich dankbar als sie eine Gruppe von Mongolen zur Unterstützung anschleift die dann alle an meinem teilzerlegten Motorrad rumtatschen. Einsichtig hat sie aber auch einen Teil von ihnen gleich wieder abgelenkt damit ich in Ruhe die defekte Sicherung finden konnte. In Khovd treffen wir dann wieder auf Jörg und Kai mit denen wir den Abend und Teile des folgenden Tags verbringen. Die Bergstraße zwischen Khovd und Tolbo ist traumhaft schön. Was man von Ulgii nun wirklich nicht behaupten kann, wir beschließen hier nicht zu bleiben und nach Russland weiterzureisen. Am Russischen Grenzposten heißt es dann leider fünf Minuten zu spät bitte morgen wiederkommen. Unsere Motorräder bleiben in der Grenzzone und wir übernachten in einer Art Massenlager das sich Hotel schimpft.

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Re: Murphys Seidenstraße - Stresstest für meinen Optimismus

Beitragvon Maikel » 02.08.2017 20:23

Russland:
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In Russland stehen schwere Entscheidungen an. Auf Bergstraßen durch den echten Altai oder auf der Hauptverbindungsstraße Zeit sparen. Aufgrund schlechten Wetters gewinnt die Hauptstraße. Schöne Ausblicke bietet diese zumindest bis Gorno Altaysk. Danach dominiert das Chaos des russischen Fernverkehrs. Keiner schert sich um den anderen und wer mit dem Motorrad nicht nah an der Mittellinie fährt braucht sich nicht wundern wenn Autofahrer, dass als Aufforderung zum Überholen auffassen. Auch wenn wir nur zweieinhalb Tage in Russland sind freut es mich doch, dass auch Cate von den Russen einen positiven Eindruck gewinnt. Uns widerfährt zwar bei weitem nicht die Gastfreundschaft die ich aus Sibirien kenne aber diesen Maßstab anzulegen wäre auch etwas unfair. Die Freude über Russland wird aber getrübt weil seit Onguday mein Motorgeräusch stetig lauter wird und sich verdächtig nach Lagerschaden anhört.

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Re: Murphys Seidenstraße - Stresstest für meinen Optimismus

Beitragvon Maikel » 02.08.2017 20:47

Kasachstan:
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In Kasachstan trennen sich unsere Wege. Das Motorgeräusch beunruhigt mich derart das ich mich entschließe zügig vorzufahren um Almaty schneller zu erreichen. Mich treibt die Hoffnung das Problem durch die gewonnen Zeit früher beheben zu können um die Reise vollumfänglich gemeinsam fortsetzen zu können. Diese Hoffnung stirbt nach 150km kurz nach Semipalatinsk. Ich bin sehr dankbar als mich Nurlan kurze Zeit später mit seinem Sprinter mit zu sich nach Hause nimmt. Besonders sein Sohn Raslan hat große Freude an meinem Unglück, ich hoffe er hält das Taschenmesser das er bekommen hat in Ehren. Am Abend nimmt mich dann Pfarrer Anton bei sich auf. Anton ist Russlanddeutscher und freut sich endlich wiedereinmal Deutsch sprechen zu können. Seine Kirche ist passenderweise dem heiligen Michael geweiht. Das Areal enthält neben der Kirche und Pfarrhaus auch eine Suppenküche, einen Sportplatz und dient zudem auch als Aufenthaltsbereich für die Dorfjugend. Anton hat dies alles mit viel Initative und Spendenhilfe aufgebaut. Am Ende erinnert mich Anton doch sehr an Don Camillo auch, wenn er den Vergleich mit dem Hinweis, dass er mit niemandem streitet ablehnt. Auch wenn ich nicht gläubig bin hilft sein Hinweis „Der Herrgott gibt uns nur was wir wirklich brauchen, was wir nicht wirklich brauchen wird er uns auch nicht geben“ mir sehr die weitere schwere Zeit zu überstehen.
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Nurlan und Anton helfen mir dann Maxim, Roman und Sanja zu finden die mich und mein Motorrad auf ihren LKWs mitnehmen. Als Maxim mir erklärt er hätte am Hang geparkt weil sein Starter defekt sei schwant mir schon übles. Am selben Abend bleibt aber entgegen der Erwartung Sanjas DAF viermal liegen. Ich werde wieder und wieder vertröstet bis nach 2 Tagen klar ist das ich einen anderen LKW brauche. Wären mir Maxim und Roman nicht so sympatisch gewesen hätte ich Cates Rat befolgt und früher einen anderen LKW gesucht. Der Abschied von den drei ist sehr herzlich und den Einblick in den Alltag eines kirgisischen LKW Fahrers werde ich nie vergessen. Weiter geht es mit Viktor und seinem 30 Jahre alten Volvo.
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Viktor fährt unglaublich lange und ich bin optimistisch mich von Cate noch verabschieden zu können vor sie in den Pamir fährt. Als Viktor hält um vor Almaty noch abzuladen beginnt einer der schlimmsten Tage der Reise. Der Kran kommt nicht pünktlich, Viktor und ich sind gefrustet Cate wird weg sein wenn ich ankomme. Die Natur tröstet mich denke ich mir als ich schwarze Hummeln entdecke und versuche mich mit fotografieren abzulenken. Leider fliegen sie davon vor ich Bilder machen kann. Der Kran kommt und mit ihm ein Unwetter es scheint als ist jetzt die Natur auch gegen mich. Als der Kran die erste Landmaschine über mein Motorrad hinweg hebt beginne ich zu filmen, um den Moment nicht zu verpassen in dem das Seil reist und mein Motorrad zerschmettert. Bei der zweiten Maschine hoffe ich bereits, dass das passiert stattdessen legt das Unwetter richtig los. Meine Ausrüstung liegt im Hof als der Platschregen niedergeht und den Dreck spritzen läßt. Im nachlassenden Regen versuche ich Viktor beim Anbringen der Planen zu helfen. Viktors russische Anweisungen helfen mir wenig und so muss ich aktzeptieren, dass ich ihm zu nichts nütze bin mir bleibt nur im Fahrerhaus abzuwarten bis alle anderen im Regen die Arbeit erledigt haben. Ein erbärmliches Gefühl, welches nur noch von der Tatsache übertroffen wird, dass der LKW am Ende auch noch an diesem Ort im Schlamm feststeckt.
[youtube]https://youtu.be/13BLYG3v7is[/youtube]

Am nächsten Tag komme ich um die Mittagszeit in Almaty an Cate ist am Morgen weitergefahren. Sie hatte während meiner Odyssee einen platten Reifen und einen Rahmenbruch gelöst. Es muntert mich unglaublich auf als man mich bei den das man Freeriders freundlich aufnimmt. Mit Werkstatt, Hostel, Pub und Bikeshop ist alles an einem Ort versammelt was ich in diesem Moment brauche. Meine Pechsträne lässt mich nicht los am ersten Tag nach meiner Ankunft steht die Werkstatt unter Wasser. Nach der verspäteten Demontage ist klar, dass wirklich das Pleullager defekt ist. Ein Austauschmotor hätte eine neue Motornummer und generiert neben höheren Versandkosten Zusatzkosten für das Carnet. Den Motor zu überholen und das Motorrad wieder fein zu machen hatte mich sowieso gereizt also entscheide ich mich dafür. Zum Glück läßt mich Roland von KTM-Müller in Waltenhofen nicht hängen. Er unterstützt mich mit fachlicher Beratung und sendet die benötigten Teile im Expresstempo. Die Wartezeit nutze ich noch um andere Dinge instanzusetzen trotzdem ist es zuviel Zeit. Parallel zu mir hat Cate eine schwere Zeit auf dem Pamir und ich fühle mich veranwortlich weil ich sie ja motiviert hatte. Es tut sehr gut als Valentina und Matteo mich ein wenig ablenken. Als dann Jürgen noch ankommt bin ich wieder auf Kurs. Ein Motorradfahrer der ähnlich denkt und mit dem ich Spaß haben kann. Gemeinsam mit dem Freeriders Team baue ich den Motor wieder zusammen und kann nach zwei Tagen starten. Allen bin ich sehr Dankbar. Das Gefühl das einem in der Not die Menschen immer zur Seite stehen tröstet über den gestrichenen Pamir Highway hinweg.
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Parallel hat Cate ihr Pamirabenteuer erfolgreich gemeistert. Neben fahrerischen Herausforderungen musste sie einen defekten Gabelsimmering instandsetzen, erneut einen gebrochenen Rahmen und den Verlust von Handy, Actioncam und Speicherkarten mit den Bildern verkraften. Es erfüllt mich mit Stolz das sie all diese Schwierigkeiten ohne mich gemeistert hat trotzdem wäre ich lieber für sie da gewesen.

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Die Reparatur des Motors ist leider ein Misserfolg. Nach ca. 200km geht der Motor nach einem Rasseln der Kette aus. Der Motor verliert Öl springt aber wieder an. Mitten im Nirgendwo bleibt mir nichts anderes als weiterzufahren, bis zum nächsten Geräusch welches das Ende der Ventile besiegelt. Es dauert lange bis Jarad mit seinem Minibus ankommt er nimmt mich daraufhin mit nach Taraz und sein Bruder Jubaniaz bietet mir für die nächsten zwei Tage Unterkunft. Wieder wir mein Motorrad zum Kinderspielgerät. Seine Tochter Janija und die Nachbarstochter Anella haben eindeutig mehr Spaß daran als ich. Mein Besonderer Dank gilt an dieser Stelle den Mitarbeitern des Deutschen Kulturzentrum Shambyl und insbesondere Nikolai. Ohne Nikolai hätte ich den Versand meiner Ausrüstung nicht veranlassen können, hätte nicht Konstantin gefunden bei dem das Motorrad geparkt ist und hätte mich beim Zoll auch nicht von der Aussichtslosigkeit auf eine schnelle Lösung überzeugen können. Visa, Urlaub, Kosten alles spricht gegen einen weiteren Versuch das Motorrad zu reparieren, aber aufgeben und heimfliegen will ich einfach nicht. Nicht für Cate, nicht für sonst irgendwen, nur für mich, meinen Stolz und die Gewissheit für die Zukunft nicht aufgegeben zu haben. Während in all meinen vergangenen Reisen die Herausforderung in der fahrerischen Strapaze lag ist es dieses Mal die emotionale Belastung. Ohne Motorrad fehlt die Freiheit die ich in der Ferne suche, um die permanente Konfrontation mit meiner unglücklichen Geschichte werde ich nicht herumkommen und jeden Tag werde ich Cate auf dem Motorrad davon fahren sehen. Mein erstes Abenteuer als Backpacker kann beginnen.
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Re: Murphys Seidenstraße - Stresstest für meinen Optimismus

Beitragvon Maikel » 02.08.2017 21:09

Usbekistan
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Glücklicherweise muss Juri, der Mann einer der Damen des deutschen Kulturzentrum, nach Tashkent und gibt mir einen Crashkurs im Nutzen von öffentlichen Verkehrsmitteln in Zentralasien. Wir starten im Minibus, wechseln zum Shared Taxi und fahren zu siebt im Chevrolet Damas. Sicherheitsgurt sucht man in allen Transportmitteln vergeblich. Sind sie vorhanden funktionieren sie nicht und werden nur aufgrund der Anschnallpflicht irgendwie am Gurtschloss befestigt. Es dauert etwas bis ich mich an diese fehlende Sicherheit gewöhne, der Fahrstil der meisten Fahrer legt eher nahe Hosenträgergurte, feuerfesten Rennanzug und Helm zu tragen.
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Beim Geldwechseln an der Grenze erhalte ich ein Bündel als würde man seinen Neuwagen in 5€ Scheinen bezahlen. Dabei habe ich mit 10 000 Sum die größten verfügbaren Scheine erhalten. Offiziell wären das rund 2 US-Dollar auf dem Schwarzmarkt kann man die gleiche Summe aber schon für rund 1.2 Dollar erhalten.

Juri bringt mich noch zum Bahnhof und ich habe Glück noch ein erster Klasse Ticket zu ergattern die zweite Klasse ist ausgebucht. Ohne Ihn hätte ich es nie rechtzeitig zum Zug nach Samarkand geschafft. Ich bin ihm sehr dankbar dafür und besteige mit der Vorfreude Cate nach 18 Tagen wiederzusehen den Zug. Im Zug treffe ich auf Farhad der mich noch zu einer privaten Feier einlädt und sein Freund Kolya bringt mich zum Hostel. Zu meiner Entäuschung ist Cate nicht da. Meine Zeitangabe lag eine Stunde zu spät, zur kommunizierten Zeit taucht sie auf und wir haben einen schönen Abend mit Farhad, Kolya und ihren Freunden.

In der Welt der Backpacker komme ich nur langsam an, das ich meinen besten Freund zurückgelassen habe und eventuell nie wiedersehe realisiere ich erst am nächsten Tag. Ich bin sehr froh das Cate sich zeitweise von ihren neuen Freunden am Hostel losreißt und für mich da ist. Für die Schönheit Samarkands habe ich am ersten Tag noch nicht viel übrig auch die vielen Menschen sind mir zuviel. Es ist eine große Erleichterung, dass uns der gut informierte Omar wie ein Guide durch die Stadt führt. Mit Felix verstehe ich mich etwas besser und im Gespräch versuche ich seine Art des Reisens, die jetzt auch meine ist, besser zu verstehen. Wir besichtigen den Registan, Moscheen, Mausolen, ein Minarett und einen Friedhof. In zwei Tagen mehr Kultur als auf jeder meiner anderen Reisen. Mein Samarkand Highlight bleibt aber der Kauf einer kurzen Hose. Nach viel erfolgloser Sucherei bringt mich ein Taxifahrer zu einem versteckten Bazar, davor hatten wir noch kurz seinen Sohn zum Sport gebracht. Er geht mit mir einkaufen, handelt den Preis aus und aktzeptiert am Ende weit weniger Geld als angemessen wäre.

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Die nächste Stadion ist Bukhara ich gönne mir wieder die Zugfahrt erster Klasse. Raus aus dem Zug komme ich mir vor als würde ich in ein Heißluftgebläse laufen. Die Sonnenbrille hält jetzt nicht nur Licht sondern auch den direkten heißen Wind ab. Logischerweise heftet sich ein Taxifahrer an meine Fersen und nach anfänglichen 25000 Sum bezahle ich 8000 Sum für den Weg zum Hostel. Ähnliche Szenen werden sich noch etliche Male auf der Reise wiederholen. Mich freut es richtig als ich am Hostel auf Motorradfahrer treffe. Lottie und Ryan http://www.saddlesorenomads.com sind mir direkt sympatisch. In der vollen Mittagshitze beschließe ich dann durch die Stadt zu bummeln. Langsam gehen, Pausen machen, viel Trinken und stets die Mütze naß halten dann geht das auch bei 40°C und mehr. Mich überwältigt die Dichte der historischen Gebäude man erwartet wirklich jeden Moment die Karawane die die Waren bringt. Vor der Xo’ja Nurobod ko’chasi treffe ich Sunel mit dem ich bis zur Arc gemeinsam ein paar Highlights besuche. Den Abend verbringe ich am Hostel mit Lottie und Ryan später lerne ich auch noch Steve und Gilly http://www.overlandingfamily.com kennen die mir anbieten mit ihnen zu fahren. Cate hat vernünftigerweise die Hitze des Tages gemieden und kommt erst in der Dunkelheit an. Wir bummeln durch die Stadt und beschließen auf Steves und Gillys Angbot erst in Nukus zurückzukommen. Am nächsten Tag Sightseeing und den Nagel aus Cates Reifen ziehen. Um auszuschließen, dass der Schlauch verletzt ist montiere ich den Reifen ab und beschädige beim Montieren den Schlauch. Anderer Schlauch dasselbe Spiel. Die Arbeit habe ich mit meinen Hebeln zigmal gemacht und nie ist so etwas passiert. Meine Hände zittern ich bin zu nervös und bitte Ryan den Reifen mit dem geflickten Schlauch zu montieren. Ihm gelingt das auf Anhieb und ich bin glücklich dass die Situation gelöst ist. Trotzdem komme ich mir schon wieder so nutzlos vor wie im Unwetter in Viktors LKW.
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Khiva erreiche ich am nächsten Tag per Shared Taxi und auch Cate lässt nicht lange auf sich warten. Auch wenn Khiva schön ist sind die historischen Gebäude langsam abgedroschen. Es kommt mir daher sehr gelegen dass wir Steve und Gilly treffen und ich mit ihnen am nächsten Tag nach Nukus weiterfahren kann. Die Fahrt aus Khiva heraus verläuft genauso wie ich sie in einem von Europäern gesteuerten LKW in diesem Chaosverkehr erwarte. Totenstille in der Kabine jede Blickrichtung wird gemeinsam observiert und navigiert wird vom Fahrer und Beifahrer. Außerhalb der Stadt entspannt sich die Situation und es bleibt Zeit für Smalltalk. In Nukus besuchen wir gemeinsam das Kunstmuseum und ich gehe noch auf den Bazar. Als Cate am Abend ankommt kann ich ihr bestätigen, dass es wirklich keinen Grund gibt diese Stadt zu besuchen.
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Die Aussicht die nächsten zwei Nächte in der Wüste zu verbringen heben meine Laune bis Cate nicht am vereinbarten Treffpunkt ankommt. Zum Glück nur wieder ein technisches Problem ihre Kupplung schleift und sie kann nicht mehr mit voller Geschwindigkeit fahren. Eine Feldreparatur scheitert am unglücklich gestalteten Kupplungsdeckel. Der Abend mit den Snaiths entschädigt aber über die Probleme. Die Töchter Alisha und Lucy sind sichtlich erfreut über die Abwechslung in ihrer Reisegesellschaft.

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Re: Murphys Seidenstraße - Stresstest für meinen Optimismus

Beitragvon Maikel » 02.08.2017 21:14

Kaspisches Meer:
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An der Grenze nach Kasachstan wird Steve ewig aufgehalten weil ein Grenzbeamter nicht akzeptieren will das es kein LKW sondern ein Wohnmobil und damit ein PKW ist. Wir fahren weiter und kurze Zeit später bricht die Bremsscheibenabdeckung am LKW. Steve erklärt, dass dies ständig passiert, mich wundert aber mehr das Cate uns nicht vermisst. Plötzlich steigt sie aus einem Auto sie hat sich beim Wenden wieder einen Nagel eingefahren. Über die folgenden Witze, dass ich Unglück bringe kann ich nicht wirklich lachen, ich fühle mich längst wie verflucht. Als der LKW wieder fährt nehmen wir Cates Rad mit um es in Beyneu reparieren zu lassen. Sie trampt erfolgreich mit Motorrad und wir kommen schneller als erwartet zum nächsten Campingplatz. Der Sonnenuntergang tröstet über die Probleme des Tages hinweg. Bevor wir aber am nächsten Tag Aktau erreichen müssen bleibt aber der LKW nochmal mit plattem Reifen liegen. Ich frage mich langsam ob ich Menschen gefährde wenn ich auf die Fähre nach Baku gehe.
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In Aktau werden wir natürlich am Hafen nicht direkt in die Fähre durchgewunken. Immerhin die Fahrzeuge können in einer Bürokratieorgie angemeldet werden. Wann die Fähre kommt weiß man nicht. Anschließend beziehen wir ein Hotel mit Pool, nach so viel Frust tut etwas Luxus einfach gut. Davon abgesehen ist am nächsten Tag mein Geburtstag. Nach ursprünglicher Planung wäre ich da bereits zuhause gewesen. Meinem Chef Bernd bin ich sehr dankbar, dass er zwei Wochen Urlaubsverlängerung akzeptiert hat, anders wäre keine sinnvolle Weiterreise mehr möglich gewesen. Mein Geburtstagsfrühstück versüßt mir Cate am Morgen dann mit einem Kuchen und einer Flasche Wodka passen zur Schnapszahl. Über dem Tag hängt trotzdem der Schatten, dass wir aufgrund der Lieferzeit der Kupplungsteile bald nicht mehr gemeinsam Reisen werden. Der anschließende Spaziergang bringt uns auf andere Gedanken und am Abend gehen wir mit Familie Snaith gemeinsam Essen. Die Kinder überraschen mich mit selbst gebastelten Schlangen und einer Karte mit einem kurzen Gedicht.
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Während der Wartezeit bin ich hin und hergerissen. Es geht auch ein Flieger von Aktau nach Baku der kaum mehr kostet als die Fähre. Ich bin sehr erleichtert als die Fähre sich nicht mehr länger verzögert und es losgehen kann. Die Wartezeit nach Ankunft der Fähre ist unverhältnismäßig der Zustand der Fähre ist besorgniserregend schlecht. Meine Pechsträhne verfolgt mich weiter, im Kopf habe ich Cate bereits das Holzstück überlassen und versinke erschöpft im kaspischen Meer. Zum Glück nur in meinem Kopf. Die Gesellschaft der anderen Reisenden anderen lenkt mich ab. Besonders das Tramperpärchen Malin und Alex bleibt mir in Erinnerung. Ihre Videos zusammengestellt aus eher unspektakulären Szenen sind trotzdem spannend und ich frage mich ob mein ständiger Wunsch nach spektakuläreren Zielen vielleicht doch nur dumm ist. Gilly zeigt ebenfalls noch Videos von ihrer 4 jährigen Reise. Die Bilder freuen mich sehr, es ist als würde ich in meinen Traum blicken.

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Zuletzt geändert von Maikel am 03.08.2017 18:51, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Murphys Seidenstraße - Stresstest für meinen Optimismus

Beitragvon Maikel » 02.08.2017 21:20

Aserbaidschan
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Mitten in der Nacht legt die Fähre in Alat. 70km südlich von Baku an. Keine Unterkünfte kein Platz zum Zelten. Steve und Gilly beeindrucken mich als sie sämtliche Backpacker in den LKW packen und wir alle spontan zu den Schlammvulkanen fahren. Der bevorstehende Abschied trübt meine Stimmung, Richtung Iran reist außer mir niemand. Zuerst trenne ich mich von Cate die in Baku auf die Teile für die Kupplung warten wird, dann von den Snaiths. Alisha hat noch ein Freundschaftsband in meiner Kameratasche versteckt. Als ich es finde bin ich sehr gerührt und muss mir die Tränen verkneifen. Alle fünf werde ich sehr vermissen.
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Milos ein junger Pole starte zumindest an der gleichen Kreuzung wie ich. Er gibt mir noch einen kurzen Crashkurs im per Anhalter fahren und dann ist er auch schon weg. Kurze Zeit später habe ich Glück. Salyan, Billasuvar heißen meine ersten Stationen die Fahrt Masalli hält dann ein paar Überraschungen bereit. In der Pause werde ich zum Tee eingeladen und die gute Stimmung wird durch einen Hitlergruß abrupt zerstört. Der kleine Junge neben mir im Taxi bereitet mir mehr Freude. Er ist sichtlich neugierig auf den Fremden und mit ein paar Bildern auf meinem Handy, kann ich ihm eine kleine Freude machen. Auf der Suche nach Wifi lande ich in einem Cafe in dem mir sofort der Zugang für das private Netzwerk eingerichtet wird. Mein Essen darf ich auch nicht bezahlen und werde von den Jungs mit live Gesang unterhalten. Das kuriose Erlebnis endet bald und ich breche nach Lankaran auf. Mein Ziel ist der Strand und den restlichen Schnaps loswerden. Im Iran ist der nicht erwünscht und die Post weigert sich ihn zu verschicken. Mit einer Flasche Cognac und einer Flasche Wodka bin ich am Strand auch nicht lange allein. Ibrahim ist der erste der sich traut um einen Schluck zu bitten. Er und seine Freunde sind mir sehr sympatisch und wir haben einen sehr schönen Abend. Glücklicherweise gelingt es ihnen mich ans Hotel zu bringen obwohl ich nicht mal mehr dessen Namen weiß.
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Am nächsten Morgen wird mir klar ich habe meinen Notizblock und mein Handy verloren. Auf Empfehlung der Rezeption gehe ich zur Polizei bei der mir Sahbala bereitwillig weiterhilft. Wir folgend den Spuren des Vortags und am Strand wartet Ibrahim bereits mit meinem Handy. Ich bin unglaublich erleichtert und verbringe noch etwas Zeit bei ihm. Die anschließenden Wangenküsse verlangen mir zwar etwas Überwindung ab aber man ist ja Gast einer anderen Kultur. Für den Rest des Tags ist Erholung angesagt. Mehr als ein wenig am Tagebuch schreiben und noch Alishas Armband anbringen ist nicht drin. Am nächsten Tag reise ich weiter in den Iran.
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Re: Murphys Seidenstraße - Stresstest für meinen Optimismus

Beitragvon Maikel » 02.08.2017 21:32

Iran:
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Der Start ist leider etwas verwirrend. Ich werde zu unterschiedlichen schlangen gleitet und mein Pass wird mehrfach inspiziert und herumgereicht. Die Grenzbeamten sind aber freundlich und geben mir auch noch Tipps zu Reiseroute. Am Ausgang stürzen sich Taxifahrer und Geldwechsler wie Geier auf mich. Bis ich einen vernünftigen Wechselkurs bekomme muss ich lange verhandeln. 1USD entspricht 32.650 Rials. Die Iraner sprechen aber von 3.265 Toman. Und weil unter 1.000 Toman eh nichts geht sprechen sie auch gerne nur von 1 Toman wenn sie 1.000 Toman meinen. Im Gegensatz zu Usbekistan gibt es aber wenigstens dem Kurs angemessene Scheine von bis zu 1.000.000 Rial

In meinem anschließenden shared Taxi sitzt auch Saman ein junger Soldat der gerade seinen Dienst beendet hat. Bereits nach 15 Minuten im Taxi verkündet er „I love you“ ich kann mir, dass nur mit seinem sehr begrenzten englischen Wortschatz erklären auch mit dem Google Translator kommt er nicht klar. Seine Gesellschaft bis Rasht schätze ich sehr. Er bringt mich zum besten Hotel am Platz in der Annahme ich würde nach soetwas suchen. Aber bei 130USD pro Nacht verzichte ich auf den angebotenen Rabatt und ziehe weiter nach Qazvin.
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Meine Unterkunft in Qazvin ist schäbig und das man im Iran seinen Pass hinterlegen muss widerstrebt mir zutiefst. Auch eine SIM-Karte zu beschaffen gestaltet sich komplizierter als nötig und nach wenigen Highlights (Chehel Sotun Palast, Bad Museum von Ghajar) verlasse ich Qazvin genervt Richtung Hamadan.
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Bei Winer im Amaday Hostel fühle ich mich dagegen sehr wohl und bleibe 2 Tage. Die Gespräche mit ihr, Urscha und Andrey einem älterne Ehepaar aus Slowenien bereiten mir sehr viel Freude. Als Winer mit das Kompliment macht ich wäre sehr weise fühle ich mich geschmeichtel komme mir aber auch irgendwie alt vor. Mein Ausflug mit Andrew einem Backpacker aus Australien macht auch meinen zweiten Tag kurzweilig. Am Ganjnameh Wasserfall lehnen wir danken das Schischa Angbot ab. Die Jungs sehen so verdächtig entspannt aus das uns das Risiko zu groß ist.
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Halal :wink:
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Wir werden auch sonst regelmäßig angesprochen die Menschen freuen sich über und wir werden fast ununterbrochen willkommen geheißen. Das setzt sich auch so in meiner nächsten Station Teheran fort. Die Freundlichkeit der Iraner steht im krassen Gegensatz zu der Propaganda gegen die USA, Saudi Arabien und Israel. Der Anblick dieser dummen Plakate wirkt abstoßend auf mich und, dass sie toleriert werden macht es mir schwerer die Freundlichkeit der Iraner zu glauben. Den Ariervergleich zwischen dem Iran und Deutschland stellt aber ein zugewanderter Aserbaidschaner an. Mit dem dunkelsten Kapiteln deutscher Geschichte positiv konfrontiert zu werden ist keine schöne Erfahrung. Meine neue Reisegruppe mit Rose aus Finnland, Eeke aus den Niederlanden, Tom aus Australien und Antti ebenfalls aus Finnland lenkt mich aber gut ab. Wir haben sehr viel Spaß zusammen und ich bin besonders den Jungs sehr dankbar dafür das sie mir die Gedanken um Ziele und Transport abgenommen haben. Als Highlights kann ich die Darband Schlucht, den Golestan Palast, ein Kunstmuseum, den Bazar und die ehemalische US Botschaft nennen. Besonders die Rückfahrt aus der Darband Schlucht war speziell. Unser inoffizieller Taxifahrer hatte ein dringendes Bedürfnis uns gut zu unterhalten und dreht die Musik soweit auf das ich mir mit meinen Ohrstöpseln helfen musste. Auch die Kunstausstellung der Iranischen Löwen war gewöhnungsbedürftig. Die Titel „Lion and Man“, „Lion and Sword“, „Striped Lion“ brennen sich in den Kopf und mit der Darstellung „Lion and Pipe“ ist der Tiefpunkt erreicht. Es war wirklich nur ein Rohr und ein Löwe weiter Erklärungen fehlten. Vom Sightseeing habe ich dann wirklich genug und genieße den letzten Abend auf dem Dach des Hostels mit den anderen Backpackern. Meinen Flug verschlafe ich weitgehend. Im Auto meines Vaters ereilt mich dann die letzte schlechte Nachricht der Reise. Während ich weg war musste unsere Katze eingeschläfert werden, dass es die erste Woche zuhause nur regnet wird zu Nebensache. Ein Ende wie im schlechten Film und zum ersten Mal bin ich kein bisschen glücklich wieder zu Hause zu sein.

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Zuletzt geändert von Maikel am 02.08.2017 21:38, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Murphys Seidenstraße - Stresstest für meinen Optimismus

Beitragvon Maikel » 02.08.2017 21:34

Fazit:
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Meine Befürchtung war anfangs mich würde diese durchschnittliche Reise entlang der Seidenstraße langweilen. Mit einer Pechsträne von solch epischem Ausmaß hatte ich nicht gerechnet und ich hätte mich definitiv lieber gelangweilt.

Warum habe ich in Kasachstan nicht aufgegeben?

Hauptsächlich liegt aufgeben einfach nicht in meiner Natur und ich hätte mir so ein unwürdiges Ende zuhause nicht verziehen. Außerdem wären die Visas für Usbekistan und Iran umsonst gewesen. Auch relevant war der Wunsch sich bei Cate persönlich zu entschuldigen. Meine Entscheidung allein nach Almaty zu fahren hat sie tief enttäuscht und verärgert. Wir hatten bis dahin auch eine gute Zeit und ich wollte nicht, dass diese endet. Mich hat es auch gereizt den Motor zu reparieren und über einen Backpacker Urlaub hatte ich vor der Reise schon mal nachgedacht.

Würdest ich es wieder tun?

Ja aber nicht gleich. Gilly hat während der Reise zu mir gesagt „Du hast eine unglaublich positive Lebenseinstellung“ Ein größeres Kompliment hat mir noch nie jemand gemacht. Ich muss aber zugeben, dass ich unglaublich viel von meiner positiven Energie verbraucht habe. Mich hat stets der Gedanke motiviert es kann nicht nur schlecht laufen, es muss auch wieder etwas Positives passieren. In Konsequenz dessen hatte ich oft überzogene Erwartungen die nicht erfüllt wurden und niemand bekam das öfter ab als Cate. Ich bin ihr für ihre Geduld und den Rückhalt unendlich dankbar. Die sehr unterschiedlichen Reiseerfahrungen erschweren auch das Gemeinschaftsgefühl. Während bisher die Highlights immer das Team zusammengeschweißt haben bleibt, Cates großes Highlight der Pamir und meines die Menschen in Kasachstan. Beim nächsten Mal würde ich mich von meinen Reisepartnern trennen um die Anspannungen durch die ungleichen Reisebedingungen zu umgehen.

Werde ich wieder als Backpacker reisen?

Nicht in dieser Konfiguration. Ohne Motorrad war ich nicht mehr frei und an Städte gebunden. Freiheit und Natur sind aber der Grund warum ich mit einer leichten Enduro und groben Stollen reise. Cate jeden Tag wegfahren und ankommen zu sehen verschlimmerte das Gefühl zusätzlich. Von anderen Touristen fühlte ich mich oft nur noch als ihr trauriger Schatten wahrgenommen. Mit den anderen Backpackern war das zwar besser aber der Weg blieb immer ein Hindernis und nicht mehr das Ziel. Das ausgiebige Sightseeing in den Städten ist auch nicht meine Welt. Reizvoll ist dagegen das tiefe Eintauchen in die Bevölkerung in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Das soziale Leben in den Hostels gefällt mir auch sehr gut. Letztendlich aber beides Erfahrungen die man mit dem Motorrad ähnlich kennt.

Hat es sich gelohnt?

Wer Probleme hat braucht Menschen. Ich habe sehr viele unglaublich freundliche Menschen getroffen und sie werden mir alle in positiver Erinnerung bleiben. Mein Vertrauen in die Menschen und die Zuversicht, dass es immer weitergeht ist enorm gestiegen. Irgendwann in meinem Leben wird mir diese Erfahrung sicher nützlich sein. Ich hoffe nur dass es nicht zu bald sein wird. Besonders für die Zeit mit Family Snaith bin ich sehr dankbar. So herzlich integriert zu werden hatte ich nicht erwartet und ich erinnere mich gerne an dieses Glück zurück.

Was ist mit meinem Motorrad?

Die Frage ist noch offen. Der Import ist aufwändig der Rücktransport teuer bisher ist nichts entschieden. Aktuell wartet sie in Taras bei einem Interessent auf meine Entscheidung über ihr Schicksal.



Hinweise:
Die Anzahl der Bilder ist zugunsten der Lesbarkeit reduziert worden. Mehr gibt es auf meiner Website dort findet ihr auch Berichte von erfolgreicheren Touren wie der BAM letztes Jahr.

Cates Reise dauert noch an während ich bereits wieder zuhause bin. Ihren Blog könnt ihr ebenfalls verfolgen:
http://27laenderauf2raedern.de/

Mich würde es auch sehr freuen wenn der ein oder andere sich bereit erklärt als Danke für den folgenden Bericht ihre Spendenaktion zu unterstützen:
http://www.meine-spendenaktion.de/aktio ... aedern-sos
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Re: Murphys Seidenstraße - Stresstest für meinen Optimismus

Beitragvon MD » 28.09.2017 09:49

Setz dich mal mit KTM Tiflis in Verbindung, die haben letztes Jahr unsere kaputten Motorräder von Bischkek aus nach Hause transportiert.
Der Mann hat einen unaussprechlichen Namen, man nennt ihn aber Salva der spricht deutsch und ist auch immer mal wieder in Deuschland.
Tel. 01788496512
Ich bin aus RV wenn Du aus Wolfegg bist können wir uns ja auch mal treffen.
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Re: Murphys Seidenstraße - Stresstest für meinen Optimismus

Beitragvon klausmong1 » 29.09.2017 00:21

Da hast Du ja noch gute Erlebnisse gehabt.

In Alat hast Du etwas deprimiert gewirkt wegen dem kaputten Moped.

Aber die Pannen sind gut, um menschen kennenzulernen, das hab ich auf der Rückreise aus der Mongolei in Russland auch gemerkt.
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Re: Murphys Seidenstraße - Stresstest für meinen Optimismus

Beitragvon MD » 29.09.2017 07:31

Hallo Klaus,

das muss ne Verwechselung sein:-) Die eine Tenere ist kurz hinter Samarkant kaputt gegangen, und ging dann in Samarkant auf den LKW.
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Re: Murphys Seidenstraße - Stresstest für meinen Optimismus

Beitragvon klausmong1 » 29.09.2017 21:56

Ich meinte mein Moped, das ist durch einen Unfall noch in der Mongolei am Rückweg sehr zerstört gewesen...
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